Endlich taut das Eis(?)
Draußen taut das Berliner Eis langsam weg, und schon kommt nochmal eine Welle an Eis und Schnee. Wir haben alle langsam die Schnauze voll, oder?
Die Stadt schüttelt mühsam, wenn auch langsam, ihren Winterschlaf ab.
Und Gott, war das ein eisiger Winter, der einfach nicht mehr loslassen will!


Foto: Eisbahn-berlin.de / christian lohse
Der Bruder ist müde vom Winter.
Der Bruder nippt an seinem doppelten Espresso, spürt die vollmundige, leicht säuerliche Röstung auf der Zunge und starrt nach draußen in das Weiß-Grau. Er nimmt noch einen Schluck und es passiert ganz spontan: Er verliebt sich in diesen winzigen Moment.
Der Bruder fühlt ein Gefühl von Präsenz, welches seinen Körper flutet.
Es ist dieses urtümliche Kribbeln, über das Dichter und Denker ganze Welten geschrieben haben – so primal und echt.
Und die Fülle, die damit einhergeht. Das ist echter Wert. Es ist dieses Mal kein flüchtiger Blick auf den Instagram-Screen. Du starrst nicht in ein Video, sondern in die Realität, Bruder. Du schaust dich nämlich um seit Jahren und bemerkst etwas – und du siehst eine kollektive Abstumpfung, die den Winter poetisch widerspiegelt. #deep und metaphorisch, yani.
Du beobachtest, wie Mitmenschen da sitzen: Die Daumen gleiten über das kühle Glas, während unser Körper wie eine Hülle im Sesseln hängt.
Der Biohacking Maximilian
Wir kennen ihn alle, Bruder.
Er sitzt im Kaffe mit seinem Oura-Ring, benutzt ihn wie seine digitale Gebetskette und checkt ständig seine Heart Rate Variability, weiss aber garnicht was das bedeutet. Sein Supplement Stack kostet 200 Euro im Monat. Im Kaffee merkt ernichtmal, dass die Bedienung ihn zum dritten mal freundlich anspricht.

Sein Leben behandelt er wie die Nummern auf seinem GoHighLvl Agentur Dashboard. Er glaubt, er sei "wach", weil seine App ihm 92% Sleep Quality anzeigt. Er misst den Sauerstoffgehalt in seinem Blut, aber er atmet kein Leben ein.
Er ist der Endgegner der Intuition. Während er versucht, sein Dopamin durch eiskaltes Duschen und exakte Lichtzyklen zu managen, verliert er den Anschluss an die echte Welt.
Katharina aka die Geisterfahrerin der U8
Du siehst sie jeden Morgen in der Bahn: Die Kapuze tief im Gesicht, die Noise-Cancelling Earbuds auf "Transparency: Off", der Blick starr in die digitale Unendlichkeit des Screens gesaugt.


Dianasee in Wilmersdorf. Foto: Imago/Stefan Zeitz / Pinterest: BuzzFeed
Sie ist physisch da, aber ihr Geist ist wo anders. Sie atmet Luft, belegt einen Sitzplatz, zahlt Steuern, ist aber nicht wirklich am mit Herz bei der Sache.
Sie hat den Tunnelblick nicht nur als Schutzschild, sondern als Betriebssystem installiert.
Als Berliner hat sie einen Filter aufgebaut, der alle Gefahren und Ablenkungen in der Bahn in Sekunden aussortiert. Diesen singulären Fokus zu haben, ist Überlebensstrategie geworden.
Sie will nicht von irgendwelchen Personen angemacht werden oder den Wutausbruch der nächsten drogenabhängigen Person miterleben müssen.
Genau das gleiche Verhalten adaptieren viele ständig, übers gesamte Jahr im Großstadtdschungel, weil die Reizüberflutung sonst ganz schnell zu viel wird.
Und es macht einen übergreifenden Sinn: Im Winter ist es Zeit, Energie zu konservieren, alles ist auf Sparflamme.
Ihr Nervensystem ist somit im Low-Power-Mode. Sie registriert nicht mehr, dass neben ihr gerade ein Mensch eine Panikattacke bekommt oder dass die Wintersonne für zwei Sekunden durch das dreckige Fenster bricht.
Während sie glaubt, sich durch die digitale Kapsel zu schützen, verkümmert ihre Intuition. Sie hat den Geruchssinn für das Leben verloren: Dissoziation auf Raten
Der Scroll-Aktivist Helder
Er sitzt im beton-grauen Homeoffice und "kämpft" gegen das Unrecht der Welt – mit dem Daumen.
Sein Feed ist sein Schlachtfeld: Ein Video von den Epstein-Files?
Er teilt gleich... nicht weil er es im Herzen fühlt, sondern weil er immer ausgelacht wurde r von seinen Freunden, als Verschwörungstheoretiker betitelt und nun will er es ihnen zeigen.


Tagesschau.de / Pinterest
Er sitzt um 03:42 Uhr morgens in seiner Berliner Altbau-Höhle, das Gesicht von 400 Lux aggressivem Blaulicht bestrahlt. Er kennt jede Theorie über die Epstein-Files, jeden Leak über CBDCs und die nächste Pandemie. Er ist angeblich „vorbereitet“ auf den Kollaps, lebt aber immer noch von Paychek zu Paychek, kriegt nicht mal mehr 6 Stunden Tiefschlaf hin und ist am abhängigsten vom System.
Er teilt das Grauen in seine Story, setzt ein "🙏"-Emoji oder ein "#Freiheitfüralle", und fühlt für exakt 1,5 Sekunden einen Funken moralischer Überlegenheit.
Dann wischt er weiter.
Er denkt, das Teilen einer Information sei das gleiche wie das Fühlen von Mitleid.
Sein Nervensystem ist durch den Dauerbeschuss mit 15-sekündigen Krisen-Häppchen so runterreguliert, dass echtes Mitgefühl biochemisch zu teuer geworden ist.
"Eigentlich müssten die Nachrichten über Machtmissbrauch und Massenmord euer Blut zum Kochen bringen!!!" denkt er sich.
Und was er nicht checkt: Selbst bei ihm selbst brennt nichts mehr. Er ist der Typ, der auf Instagram teilt und denkt damit ist die Arbeit geleistet.
Während er glaubt, woke zu sein, ist er eigentlich in einer Twilight-Zone gefangen: Er konsumiert das Grauen wie Unterhaltung. Für ihn ist ein Menschheitsverbrechen nur noch ein weiterer Content-Snippet.
Er hat keine Wut mehr, nur noch eine vage, digitale Melancholie.
Tinder-Athlet Ahmad
Er steht vor dem Spiegel im Gym, die Venen am Unterarm platzen fast vor Pump, aber sein Blick klebt am Smartphone, das auf der Hantelbank liegt. Sein Kuss-Mund im Spiegel hat sich schon so in sein Nervensystem gespeichert, die Muscle Memory wird er so leicht nicht mehr los.
Er ballert Sätze für die Ästhetik.
Valentinstag hat er auch im Gym verbracht, 15-mal auf Tinder checkend, ob er nicht doch vielleicht noch ein Date reinbekommt. Körpergefühl und Haltung beim Training? Vergiss, Brudi.
Er optimiert die Fassade, während das Fundament – seine Präsenz – längst weggebrochen ist.
Seine Mutter wurde von seinem Vater höchstwahrscheinlich im Prinzenbad an einem Berliner Sommertag geklärt.


pinterest / berlin.de
Der Alte war präsent und hatte Game, dicker.
Der Tinder-Athlet heute? Er bekommt Panik, wenn er eine Frau ohne den Schutzfilter eines Displays ansprechen soll.
Heute lebt er eine Dissoziation auf Raten:
Sein Körper ist ein Projekt, ein Content-Piece für sein Profil, aber keine Quelle für Intuition oder echte Anziehung. Er sammelt Matches wie Trophäen, aber wenn es zum Treffen kommt, sitzt er da wie ein überfordertes Kind
Was ist die Lösung?
Tank mal auf! Wir sind nicht wirklich wach, aber auch niemals tief schlafend.
Willst du wieder emotional auftanken? Vergiss das Handy! Vergiss den Kaffee! Vergiss den Fernseher am Abend! Vergiss die Blaulicht-Screens für einen Moment und lasst uns unseren Winterschlaf wieder nachholen!
Geh einfach 3 Tage lang nur pennen! Komm wieder, unschlagbar.
Nein, Spaß.
Leider habe ich heute keine andere Lösung für dich.
Danke für deine Aufmerksamkeit.
Tarkan Turan
V
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